Neukölln – eine Großstadt in der Metropole

Aus viermal Klein wird einmal Groß

Mit mehr als 328.000 Einwohnern rangiert Neukölln auf der Liste der bevölkerungsreichsten Städte Deutschlands unter den Top 20. Hingegen ist die Fläche des Berliner Bezirks mit gerade einmal 45 Quadratkilometern verhältnismäßig klein. Das heute so quirlige Neukölln entstand aus vier kleinen Dörfern: Britz, Buckow, Rudow und Rixdorf – ein von Johannitern im Mittelalter gegründeter Weiler an der Straße von Berlin-Cölln nach Cöpenick. Protestantische Flüchtlinge aus Böhmen siedeln sich ab Anfang des 18. Jahrhunderts an. Rixdorf wird zum größten Dorf Berlins, bald auch ganz Preußens.

Die Einwohnerzahl steigt bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf stattliche 80.000. Rixdorf erhält die Rechte einer Stadt und wird 1912 umbenannt, heißt fortan Neukölln. Nach dem Groß- Berlin-Gesetz werden 253.000 Neuköllner ab 1920 zu Bewohnern eines der zwanzig Verwaltungsbezirke der Hauptstadt. Neukölln wächst, bis 1931 wird in Britz eine der ersten Großsiedlungen des sozialen Wohnungsbaus errichtet, ein Teil davon – die Hufeisensiedlung – gehört heute zum Weltkulturerbe.

Während des Nationalsozialismus gab es in Neukölln einen beachtlichen Widerstand – vor allem in kommunistischen und sozial demokratischen Milieus. 1945 marschieren Truppen der Roten Armee ein und werden alsbald von US-Militär abgelöst, denn Neukölln wird Teil des amerikanischen Sektors. Es beginnt, wie überall in Berlin, der Wiederaufbau mit neuen Wohnsiedlungen und der Entwicklung der Infrastruktur.

Ab 13. August 1961 teilt die Mauer die Stadt. Neukölln ist Grenzbezirk und wächst dennoch, nicht zuletzt durch den Bau der Gropiusstadt, weiterer neuer Siedlungen und die Verlängerung der U-Bahn nach Rudow. Neukölln bleibt nach der deutschen Wiedervereinigung und der Bezirksreform im Jahre 2000 ein eigenständiger Bezirk und entwickelt sich in vielen Facetten. Nicht immer macht der Bezirk positive Schlagzeilen, aber wer hier lebt, sagt immer öfter: Neukölln macht glücklich!

Vielfalt ist spannend

Neukölln ist faszinierend und aufregend, weltoffen und bunt. Nichts bleibt hier, wie es ist. Die böhmischen Flüchtlinge vor mehr als 250 Jahren machten den Anfang einer farbenfrohen Vielfalt. Gegenwärtig leben in Neukölln Menschen aus mehr als 150 Nationen. Es heißt, hier werden 120 Sprachen gesprochen. Der Neuköllner ist im Mittel 41 Jahre alt, jünger als der Durchschnittsberliner. Hier kommen mehr Kinder zur Welt als in den meisten anderen Berliner Bezirken.

Neukölln hat viele Gesichter. Im Norden innerstädtisch und dicht besiedelt, je weiter man nach Süden kommt, umso lockerer wird das Bild – vorstädtisch, mitunter sogar ländlich. Die typischen Berliner Mietskasernen mit begrünten Hinterhöfen aus der Gründerzeit gibt es ebenso wie Großsiedlungen mit Hochhäusern und beschauliche Viertel aus Einfamilienhäusern.

Soziale Probleme treten hier oft in schärferer Form zutage als anderswo. Landesweit bekannt wurde 2006 die Rütli-Schule als Ort von Konfrontationen. Dies führte zu einer Debatte über Schulsystem, Kriminalität, Gewalt an Schulen und Integration von Kindern mit Migrationshintergrund. Der Diskussion folgten Taten: Teile von Neukölln hat der Berliner Senat zu „Gebieten mit besonderem Entwicklungsbedarf“ erklärt. Missstände werden Schritt für Schritt aus der Welt geschafft. Nicht nur an der Rütli-Schule ist heute die Situation sichtlich besser.

Oft in unmittelbarer Nachbarschaft von Problem-Kiezen befinden sich prosperierende Industrie- und Gewerbestandorte sowie begehrte Wohnviertel. Neukölln ist nach wie vor eine Region voller Kontraste. Aber gerade der Umgang mit den Widersprüchen führt zu neuen Stärken. Neukölln ist viel mehr als die Summe seiner Probleme!

Großstadt-Flair für jedermann

Der einheimische Besucher hat ebenso wie der weitgereiste in Neukölln keinen Grund zur Langeweile. Abtauchen in aufregende Abende und Nächte eines Berliner Szene-Bezirks, bodenständige oder exotische Gastronomie, traditionelle wie moderne Kunst und Kultur sowie die Idylle malerischer Parks – alles ist hier zu haben. Touristen finden ein Dach über dem Kopf, zum Beispiel im 1994 eröffneten Estrel Hotel an der Sonnenallee, das mit seinen Messe- und Veranstaltungshallen Europas größten Convention-, Entertainment- und Hotel-Komplex bildet. Hinzu kommen viele kleinere Hotels und Hostels, sodass sowohl der Geschäftsmann als auch der Rucksackreisende die perfekte Unterkunft findet.

Ein Bummel durch die belebten Quartiere im Norden Neuköllns lohnt sich immer. Durch die Straßenfluchten aus der Gründerzeit weht mancherorts noch der Hauch der Goldenen Zwanziger, ein paar Häuser weiter sind aufwendig und liebevoll sanierte Altbauten zu bewundern. In der typischen Berliner Eck-Kneipe werden „Molle und Korn“ ausgeschenkt, gegenüber türkische, arabische oder afrikanische Spezialitäten serviert. Auch für den ausgefallenen Geschmack und größere Geldbeutel ist etwas dabei, selbstverständlich auch vegan, ganz zu schweigen von ungezählten Cafés, Eisdielen, Imbissbuden.

Die alten Dorfkerne von Rixdorf mit dem Böhmischen Dorf, Britz mit Gutshof und Schloss sowie Buckow mit der ältesten Feldsteinkirche Berlins gestatten einen Blick Jahrhunderte zurück. Die Hufeisensiedlung gilt als Ikone des modernen Städtebaus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der 90 Hektar große Britzer Garten – als Landschaftspark für die Bundesgartenschau 1985 angelegt – ist eine Oase inmitten der Großstadt. Und, weil Berlin sowieso eine der grünsten Großstädte der Welt ist, gibt es jede Menge Parkanlagen, vom kleinen, aber feinen, hundertjährigen Körnerpark mit Orangerie und Galerie bis zum ausgedehnten Volkspark Hasenheide.

Diverse Filmtheater, vom kleinen Ladenkino bis zum großen Lichtspielhaus, bedienen Liebhaber der Blockbuster ebenso wie wählerische Cineasten. Die renommierte „Neuköllner Oper“ bietet eine einzigartige Alternative zur traditionellen Oper zwischen Schauspiel und Musiktheater. Viele weitere freie Theater, Galerien, Clubs, interkulturelle Projekte runden die breite Palette ab, die sich durch den rasanten Zuzug von Akteuren aus der Kreativwirtschaft enorm erweitert hat. Spektakulärer Ausdruck dafür sind die „48 Stunden Neukölln“, ein jährlich stattfindendes Kunst- und Kulturfestival. Mit 1.200 Künstlern, 400 Festivalbeiträgen an 270 Veranstaltungsorten und über 80.000 Besuchern ist es das größte der Stadt.

Fit für die Zukunft

Seit eh und je ist Neukölln offen für Wandel, sind seine Bewohner neugierig und aufgeschlossen. Der noch vor Jahren gemeinhin aufgedrückte Stempel „Problembezirk“ beginnt mehr und mehr zu verblassen. Trotz vieler schwieriger Konstellationen, vor allem im sozialen Gefüge, ist unübersehbar, dass in Neukölln innovative Lösungen gesucht und gefunden werden, um mit den Herausforderungen einer interkulturellen Großstadt zurechtzukommen. Dabei wird zunehmend gemeinsam gehandelt – Bürgerinnen und Bürger, Unternehmen, Politik und Verwaltungen ziehen an einem Strang.

Die Neuköllner Wirtschaft ist im Aufwind. Der seit Jahrzehnten ansässige Global Player, der bodenständige Handwerker und das ideenreiche Start-up-Unternehmen arbeiten mancherorts Wand an Wand. Interessenten für Neuansiedlungen konkurrieren um die immer knapper werdenden freien Flächen.

Erfolgreiche Entwicklungen bergen auch Gefahren in sich. Vor allem im innerstädtisch geprägten Norden Neuköllns ist ein Prozess der Gentrifizierung nicht zu übersehen. Das Viertel ist, nachdem es von kreativen Bewohnern aufgewertet wurde, mittlerweile eine beliebte Wohngegend mit einem breiten und attraktiven Freizeitangebot. Steigende Mieten drohen die alteingesessenen Einwohner zu verdrängen. Hier muss die Durchmischung der Bevölkerung auf einem gesunden Niveau bleiben. Erste Maßnahmen mit der Festlegung von fünf Milieuschutzgebieten sind eingeleitet.

In Neukölln ansässige Unternehmen engagieren sich nicht nur für den wirtschaftlichen Aufschwung im Bezirk, sondern nehmen auch mehr Verantwortung für ihr Umfeld wahr. Dabei beschränken sie sich nicht ausschließlich auf harte Standortfaktoren, machen sich vielmehr gleichermaßen auf sozialem und kulturellem Gebiet stark.

Neue Bewohner – Studenten, Kreative, Künstler, Experten aus aller Herren Länder – bringen innovatives Potential nach Neukölln. So entsteht nahezu täglich Neues, das den Problembezirk Neukölln zu einem Innovationsstandort werden lässt. Auch das Stadtbild verändert sich rasant: Der Umbau der Karl-Marx-Straße, die Verlängerung der Stadtautobahn, Sanierungen an der U-Bahn, Kampagnen für eine saubere Stadt machen sowohl der hiesigen Wirtschaft als auch den Einwohnern das tägliche Leben leichter und schöner.

Leben in Neukölln ist dichtgedrängt und geräumig, umtriebig und entspannt, voller Geschichte und mit einer Gegenwart, die auf die Zukunft neugierig macht.

Wer nach Neukölln kommt, findet auf 45 Quadratkilometern alles, was man von einer vitalen Großstadt erwarten darf!